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Suzuki DR Big - Aus dem Vollen . . .

 
Suzuki DR Big - Aus dem Vollen . . .
 
Gaston Rahier sollte mit sportlichem Erfolg die Basis für das neue Suzuki-Enduro-Flaggschiff DR Big mit dem 750er Einzylinder ebnen, doch erstens kommt es anders . . .

Die Bilder sind beeindruckend: das Dickschiff DR Big tänzelt durch Sanddünen, fegt durch den tiefen Sand am Strand und durchpflügt die Brandung des Mittelmeeres. So präsentiert Suzuki seine neueste Enduro-Variante, die unter der vielsagenden Bezeichnung DR Big angeboten wird. Die Vorgabe, eine Einzylinder-Maschine mit bisher unerreichtem Hubraum auf die Beine zu stellen, beantworten die Suzuki-Techniker mit einem Hubraum von 727 Kubikzentimeter. Weltrekord! Immerhin kann Suzuki bei grossen Einzelhubräumen mit der Intruder 1400 schon eine gewisse Erfahrung vorweisen, als Spezialist sozusagen.

Suzuki wollte es ganz clever machen und schickte den kleinen, drahtigen Gaston Rahier mit zwei weiteren Sandspezialisten auf den Elf-Tage-Trip namens Rallye Pharao, um anschliessend die Serien-DR mit Siegeschampus zu taufen. Doch die Taufe fiel ins Wasser. Die Super-DR strandeten in den felsigen Passagen der Rallye-Strecke. Mit zerschlagenem Motorgehäuse mussten die Japaner ihr selbstgestecktes Ziel als gescheitert aufgeben. Dennoch liessen unsere japanischen Freunde während der Präsentation der DR Big keine Gelegenheit aus, ihr neues Enduro-Schiff mit sportlichem Lorbeer zu behängen. Man zeigte einen Film über die Pharao-Rallye, der natürlich sehr abrupt endete. Man liess Herrn Rahier samt seinem Wüsten-Monstrum auffahren. Un der wiederum liess keinen Zweifel daran, dass die kommende Rallye Paris-Dakar fest in Suzuki-Hand sein wird.

Ich war erstaunt ob des intensiven Säbelrasselns. Denn der erste Eindruck, den die DR bei mir hinterliess, war eher der eines strassentauglichen Motorrads als eines Geländegängers. Und tatsächlich trügte der erste Augenschein nicht. Schon nach den ersten Fahrmetern auf dem Schnabeltier - so genannt wegen der Form der Frontpartie - wird klar, dass es sich bei der DR Big nicht um eine Enduro vom Schlage der kleineren Schwester DR 600 handelt. Zwar hat sie viele von deren Eigenschaften geerbt, doch war das Entwicklungsziel der Japaner wohl mehr in Richtung «soft» angelegt.

205 Kilogramm Leergewicht fahrfertig sprechen eine deutliche Sprache, und auch die Fahrwerktechniker liessen keinen Zweifel am Einsatzzweck: Sie setzten den Motor tief ins neu konzipierte Fahrwerk, um eine möglichst geringe Sitzhöhe zu erreichen, ohne dabei auf eine bequeme Sitzhaltung verzichten zu wollen.

876 Millimeter schwebt der Big-Driver nun über dem Boden. Das sind 15 Milimeter weniger als bei der 600er, und dabei stehen die Beine jetzt noch entspannter auf den tief angebrachten Rasten, als es bei der DR 600 der Fall ist.

Dass die 205 Kilogramm Gewicht natürlich auch aus den immerhin 29 Litern Tankinhalt resultieren, ist klar. Dabei ist Suzuki bei der Gestaltung des Spritbehälters ganz neue Wege gegangen. Die beiden dicken Tankbacken sind völlig voneinander getrennt, weshalb die DR Big auch zwei Tankdeckel besitzt. Das war nötig, um das Benzinfass seitlich möglichst tief herunterziehen zu können.

Stabilisiert werden die beiden Hälften durch zwei Stahlbügel, und der Kraftstoff wird über zwei separate Leitungen zur Pumpe geführt. Eine Pumpe ist notwendig, weil der Kraftstoffhahn unterhalb der Zuleitungen für die beiden Vergaser liegt.

Im Gegensatz zur DR 600 hat die 750er nun zwei Vergaser in Registeranordnung. Diese aufwendige Technik liess sich wegen des riesigen zu befüllenden Brennraums nicht vermeiden. Ein ausreichender Einzelvergaser wäre nach Angaben der Techniker in die Dimension 52 Millimeter Durchlass geraten. Dafür übernimmt aber jetzt nur noch ein Krümmer den Abtransport des Auspuffgase.

105 Millimter misst der gewaltige Kolben im Durchmesser, neun Millimeter mehr als bei der 600er. Dafür verkürzte Suzuki den Hub von 85 auf 84 Millimeter, und die Verdichtung stieg von 8,5 auf 9,5. Ganz neu ist auch der Elektrostarter, bisher ein verpöntes Detail an den Suzuki-Enduros. Unverständlich ist allerdings, dass man auf den Kickstarter ganz verzichtet hat.

Die über eine obenliegende Nockenwelle gesteuerten Ventile wuchsen von 33 auf 40 Millimeter (Einlass) und von 28 auf 34 Millimeter Durchmesser (Auslass). Die Steuerkette wird nicht mehr von der Kurbel-, sondern von der hinteren der beiden Ausgleichwellen angetrieben. Der Ölkühler wurde um fast das doppelte Fassungsvermögen vergrössert, eine Folge der jetzt erstmals bei einer Enduro angeandten SACS-Kühlung. Das bedeutet, dass an die extrem beanspruchten Stellen wie Kolbenboden und Auslassventile zusätzlich Öl befördert wird, um die thermische Belastung möglichst gering zu halten.

Ganz erstaunlich ist, wie kultiviert der Motor zur Sache geht. Ab 2800 Touren zieht das Triebwerk ruckfrei, um bei 6800/min seine Höchstleistung von 50 PS zu erreichen. Das höchste Drehmoment von knapp 58 Newtonmeter liegt bei 5500/min an - ein gesundes Konzept.

Das schwergewichtige Motorrad lässt sich dank seinem ausgewogenen Schwerpunkt gut auf der Strasse bewegen. Das Handling ist hervorragend, und die Maschine folgt willig dem vom Fahrer vorgegebenen Kurs. Allerdings will die grosse DR bei höherer Geschwindigkeit etwas in die Kurve gedrückt werden, was aber nicht unangenehm ist.

Die entspannte Sitzposition und die ausreichend dimensionierte Bank verhelfen dabei zu einem guten Gesamteindruck, der auch bei Bremstests oder der der Jagd nach dem Höchsttempo nicht getrübt wird. Solang die DR Big festen Untergrund, das heisst Asphalt, unter den Rädern hat, gibt es kaum etwas zu bemängeln. Vielleicht dürfte die Frontscheibe etwas mehr vom Winddruck nehmen, dürfte die vordere Scheibenbremse etwas besser ziehen und die hintere Trommel feiner zu dosieren sein. Aber im grossen und ganzen bin ich sehr angetan vom Konzept der Grossenduro.

Doch dieses Bild wandelt sich, sobald man die DR Big in dem so oft angepriesenen Terrain abseit befestiger Strassen einsetzt. Federung und Dämpfung sind ebenso überfordert wie die Kräfte des Fahrers. Den dicken Pott durchs Gelände zu schaukeln bedarf schon einer Portion Schmalz in den Armen.

Dass dann bei einer der Präsentations-Maschinen genau das passierte, was Gaston Rahier und seinen Fahrern bei der Pharao-Rallye zustiess, setzte den Schlusspunkt unter den heutigen Enduro-Trip: Beim Befahren eines mit grossen Steinen übersäten Wegs wurde der aus Kunststoff gefertigte Unterschutz so kräftig ans Motorgehäuse gedrückt, dass der Deckel des Ölsiebs nachgab. Das Öl lief in Strömen, der Gelände-Ausflug war beendet. Dieser Motorschutz wird seinem Zweck tatsächlich nicht gerecht. Durch den tief in das Fahrwerk gebauten Motor ist zwischen Schutz und Gehäuse kaum noch Luft. Der zwar bruchsichere, aber nicht biegefreie Kunststoff kann so die Attacken aufs Gehäuse nur unzureichend abfangen.

Auch die für das Gewicht der Maschine etwas weich abgestimmte Federung sorgt dafür, dass man im Gelände nicht allzu grosse Sprünge wagt. Schon die leichtesten Hüpfer fordern das Federungssystem bis zum Anschlag, und schon ein sanfter Ausrutscher kann den weit herausragenden Tank mit Beulen verunstalten.

Der erste Fahreindruck zeigt also klar: Die DR Big ist ein kultivierter Single mit stark eingeschränkten Offroad-Eigenschaften, dafür aber ausgeprägter Strassentauglichkeit. Wie weit sich dieser grosse Einzylinder auch auf längeren Distanzen bewährt, muss erst ein Test beweisen.

Enduro • Gerhard Sandner

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