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BIG BOSS

 
Hubraumstärkster Serien-Einzylinder – Suzuki DR BIG
 
Keiner ist grösser, keiner hat einen mächtigeren Einzylinder: Die Suzuki DR Big – jetzt in der neuesten Version.

Die dezent erneuerte Optik steht ihr gut: Ohne das charakteristische Gesicht mit dem Schnabel über dem Vorderrad durchgreifend zu ändern, hat Suzuki der DR Big, dem Flaggschiff seiner Enduroflotte, angemessenes Face-Lifting verordnet, das diese unbestrittene Hubraumkönigin der Singles auf Anhieb gefälliger erscheinen lässt. Da sticht erstmal die neue Auspuffanlage ins Auge. Anstatt des einst weit abstehenden Einzelschalldämpfers besitzt die neueste Big nun deren zwei, nicht zu weit auseinander und die neue harmonische Linie des Motorrads unterstreichend.

Vollends gekennzeichnet wird das neue Outfit durch den mit 24 Litern Volumen um fünf Liter kleineren – nicht mehr zweiteiligen – Tank, der sich vollkommen unter der jetzt bis zur Sitzbank reichenden Verkleidung versteckt. Allerdings hat diese Änderung nicht nur optische, sondern auch sehr praktische Gründe: Nach unliebsamem Bodenkontakt sind die neuen seitlichen Verkleidungsteile leichter zu ersetzen als die bisherigen Tankhälften, von denen jede immerhin mit rund 600 Mark zu Buche schlug.

Bei der intensiveren Bekanntschaft mit der 91er Big wird der Blick schliesslich verwöhnt durch das neue übersichtliche Cockpit, das durch eine metallisch blanke Konsole mit zwei symmetrischen Instrumenten sowie Kontrollleuchten gekennzeichnet ist. Endlich, mag sich auch so mancher Big-Fan sagen beim Anblick des kombinierten Zünd- und Lenkschlosses, das schon lange auf der Wunschliste stand. Erwähnenswert ist noch der verschliessbare, versenkte Tankdeckel, der sich glattflächig in die Kontur der Tankoberseite einfügt.

Für eingefleischte Suzuki-Enduristen galt bislang die Bedienung von Kupplungs- und Hand-Dekohebel als Teil der Startprozedur, als Zeremonie sozusagen. Das darf man bei der neuen 800er getrost vergessen, denn sie hat einen automatischen Ventilausheber. Wie bei allen anderen modernen Motorrädern gilt jetzt also auch bei der Big-Suzi: Knopfdruck genügt.

Gewohnt bequem, fast aufrecht ist die Sitzposition auf der weich gepolsterten Bank. Der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel ist gross genug, um auch lange Distanzen ermüdungsfrei zurücklegen zu können.

Auch der Motor trägt einen grossen Teil zum angenehmen, ermüdungsfreien Reisen bei. Trotz des für einen serienmässigen Einzylinder unerreicht grossen Hubraums überraschen seine Vibrationsarmut und Laufkultur immer wieder. Langstreckenfans bezeichnen ihn sogar als den laufruhigsten unter den grossen Eintöpfen. Der überlegene Hubraum und die überzeugende Leistungscharakteristik, diese sanfte Gewalt mit viel Dampf in der Mitte des Drehzahlbereichs ergeben schliesslich einen ruhigen, gelassenen Fahrstil, der Nervosität nicht aufkommen lässt.

Dass die Nenndrehzahl – jene Drehzahl, bei der die Höchstleistung anfällt – um 200/min auf 6600 min/h angehoben und die Drehzahl des höchsten Drehmoments gleichzeitig um 100/min auf 5400/min gesenkt wurde, sorgt nicht nur für noch mehr Elastizität, sondern auch für einen Hauch mehr Lebendigkeit im oberen Drehzahlbereich, der bisher gegenüber der 750er ein wenig vermisst wurde.

Für verwinkelte Bergstrassen mit ganz engen Kehren und häufigem Schräglagenwechsel war die DR Big noch nie die beste Empfehlung. Bei einem so makellosen Geradeauslauf in jedem Geschwindigkeitsbereich, der sich auch durch Bodenwellen in langgezogenen Kurven bei hohem Tempo nicht beirren lässt, ist dies auch nicht zu erwarten. Und natürlich spielt auch das Gewicht eine Rolle, das beim neuesten Modell trotz des kleineren Tanks nochmals um acht Kilogramm höher liegt.

Sehr positiv ist die Vergrösserung des zulässigen Gesamtgewichts zu werten, was eine Zuladung von sage und schreibe 203 Kilo ergibt: Damit kann man wahrhaftig zu zweit Urlaub machen. Dennoch: Sind die Kurven nicht zu eng, etwa so, dass der dritte Gang gerade noch passt, bleibt auch bei der Kurverei Fahrvergnügen geboten. Wie beim Geradeauslauf ist dann der gefahrene Strich ausserordentlich exakt.

Diese 800er ist heute eines der ganz wenigen Motorräder mit den einst für Enduros so charakteristischen langen Federwegen, die hoffentlich auch in Zukunft nicht gekappt werden. Das ergibt einen für heutige Verhältnisse fast schon unvergleichlichen Federungskomfort, zumal die fein ansprechende Gabel und das Zentralfederbei tadellos gedämpft sind. Mit dieser Maschine kann man auf welliger Fahrbahn richtig schnell sein, und unterstrichen wird die Fahrstabilität durch die stärkeren Standrohre der neuen Gabel, die jetzt 43 Millimeter Durchmesser haben. Beruhigt wird auch die im Durchmesser um 20 Millimeter gewachsene, gelochte Scheibe der Vorderradbremse registriert, die jetzt eine den Fahrleistungen angemessene Verzögerung liefert.

Dass die grosse Suzuki kein wendiges Pferd für den ergötzlichen Ritt durch schweres Gelände ist, versteht sich von selbst. Solange es jedoch auf Schotter nicht allzu kurvig vorangeht, kann richtig Tempo gemacht werden, und auch im Drift macht der Brocken eine gute Figur. Dabei verkraften Federung und Dämpfung durchaus auch derbe Schläge, ohne den schweren Dampfer aus der Ruhe zu bringen.

So schwer sich die Big bei ihrem Erscheinen vor drei Jahren ihrer damals ungewohnten Optik wegen tat, so fest ist sie mittlerweile etabliert. Verglichen mit der leistungsmässig gleichliegenden zweizyliindrigen Konkurrenz ist schliesslich auch der Preis deutlich unter 10'000 Mark ein Argument. Jedenfalls ist das 91er Modell die beste Big, die es je gab und die schönste obendrein.

Enduro • Norbert Bauer

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